Ein Deutscher im bulgarischen Pirdop

Der Geschäftsführer von Aurubis Bulgarien Tim Kurth im Gespräch mit der bulgarischen Zeitschrift „Capital“

Von Iglika Philipova
Übersetzung: Ludmilla Eimer

Mit der freundlichen Genehmigung von „Capital“.

  1. November 2016

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Profil

Tim Kurth ist seit Juli 2014 Geschäftsführer von Aurubis Bulgarien. Er ist in Bremen geboren und hat Logistik an der Fachhochschule in Friedberg studiert. Seine Karriere begann bei der Firma Unilever, wo er von 1990 bis 2001 tätig war. 2004 nahm er seine Tätigkeit als Leiter der Logistik der Marken Milupa und Pullmol bei Numico auf und konzentrierte sich hier hauptsächlich auf die Planung und den Rohstofferwerb für die Firmentätigkeit. Von 2004 bis 2006 lebte und arbeitete er in Opole, Polen, wo er als Direktor der Lieferkette tätig war. Seine Karriere bei der Norddeutschen Affinerie (die ehemalige Bezeichnung von Aurubis) begann 2006. Bis Ende 2014 ist er bis zum Vizepräsident der kooperativen Logistik aufgestiegen. Im Zeitraum vom 2009 bis zum 2013 war er zusätzlich Manager der Innovationsabteilung im Konzern. Er nahm an der Umsetzung einer Reihe von Projekten der Gruppe teil, einschließlich in Bulgarien.

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Über die Firma

Aurubis Bulgarien ist ein Teil der deutschen Gruppe Aurubis, die der führende Kupferkonzern weltweit ist. Die Firma erwarb 2008 von der belgischen Firma Umicore noch unter dem alten Namen Norddeutsche Affinerie das Werk in Pirdop. Aurubis Bulgarien ist mit einem Ertrag von 4,3 Mrd. BGN für 2015 die zweitgrößte Firma im Inland. Die Firma beschäftigt 850 Mitarbeiter. Die Aurubis-Gruppe hat Werke in Europa und in den USA, die jährlich 1 Million Tonne Kupferkathoden (Kupfer mit sehr hoher Reinheit) sowie verschiedene Kupferprodukte wie Draht, Bänder, Stäbe u. a. herstellen. Die Firma stellt ebenfalls Edelmetale und viele weitere Produkte wie Schwefelsäure und Eisensilikat her. Die Gesamtgruppe beschäftigt insgesamt etwa 6300 Mitarbeiter. Kunden von Aurubis sind Firmen aus dem Bereich der Kupfergewinnung, der Elektronik, des Elektroingenieruwesens und der chemischen Industrie sowie auch Lieferanten für den Bau und den Fahrzeugbau.

 

Sie haben früher in Polen gearbeitet. Können Sie beide Länder vergleichen? Ist dort einfach, Geschäftsführer zu sein? Oder in Westeuropa?

Nein, ich würde nicht sagen, dass es einfacher ist. Zunächst einmal habe ich in Polen vor etwa zehn Jahren gearbeitet, bevor ich zu Aurubis kam. Seitdem hat sich allerdings einiges geändert. Außerdem war ich dort auch für ein internationales Unternehmen bzw. für ein niederländisches Unternehmen tätig und der Geschäfts- und der Führungsstil sind mehr oder weniger gleich in solchen Unternehmen.

Was war für Sie am schwierigsten, als Sie vor Jahren nach Bulgarien gekommen sind? Was hat Sie am meistens überrascht?

Ich war nicht überrascht, weil ich vorbereitet war. Fünf Jahre davor war ich regelmäßig auf Geschäftsreisen hier. Das aber, was sich für mich als eine echte Herausforderung erwies und bis heute eine solche geblieben ist, ist die bulgarische Sprache. Ich komme gerade von einem Sprachkurs zurück, den ich jede Woche besuche. Allerdings habe ich immer noch Schwierigkeiten, da ich zu Hause nicht einmal Russisch in der Schule hatte. Das Alphabet ist für mich auch ganz neu. Ich bin aber fest entschlossen, diese Sprache zu lernen.

Brauchen Sie denn Bulgarisch? Können Sie mit Englisch in Bulgarien nicht zurechtkommen?

Natürlich kommt man in Bulgarien auch ohne bulgarische Kenntnisse zurecht. Man kann in Deutschland auch ohne Deutsch zurechtkommen. Ich bin aber der Meinung, dass dies ein Zeichen von Achtung dem Land gegenüber ist, in dem ich arbeite, und zweitens ist mit der Beherrschung der Sprache alles viel einfacher. Es gibt bestimmte Gruppen, mit denen mal viel einfacher kommunizieren kann, wenn man die Sprache spricht, zum Beispiel mit der Gewerkschaft, mit den Bürgermeistern sowie auch mit einigen Firmenmitarbeitern. Daher bin ich der Meinung, dass der Nutzen sehr groß ist, wenn man die Sprache spricht.

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Hat Sie in Bulgarien etwas Anderes außer der Sprache gestört, wie z. B. Umfeld, Reglungen, Gesetze?

Sie sind einfach anders. Das, was mich verwundert, ist, dass die Menschen hier alles zusammen wegwerfen. Wahrscheinlich wissen Sie, dass wir in Deutschland Weltmeister in Abfalltrennung sind. Hier wird alles in einem Müllcontainer geworfen – Papier, Kunststoff, Metall. Das ist etwas, was mir tatsächlich nicht gefällt. Zum Glück haben wir hier im Büro und im Werk drei einzelne Container.

Was war Ihre schwierigste Entscheidung als Geschäftsführer?

Ich kann Ihnen nicht speziell eine Entscheidung nennen. Grundsätzlich ist es aber schwierig, wenn ein Kollege oder ein Mitarbeiter gegen unsere Werte arbeitet. Sie wissen, dass wir bestimmte Werte haben und versuchen, sie anzuwenden, sie einheitlich zu denken und zu befolgen. Aber es ist immer schade, wenn jemand aus dem Team dagegen steuert.

Was unternehmen Sie in solchen Fällen?

Es hängt davon ab, über welchen Wert wir sprechen und welchen Verstoß es gab. Falls es ein grober Verstoß war, dann müssen wir uns mit Sicherheit von dieser Person trennen. Das ist wirklich immer sehr schade, da wir sehr viel in unser Personal investieren. Wie bilden diese nicht nur in Bezug auf die Arbeit aus, sondern vermitteln ihnen auch soziale Fähigkeiten. Der Mitarbeiter investiert seinerseits seine Zeit in unseren Betrieb. Deshalb ist es immer sehr schade, wenn wir uns von jemanden trennen müssen. Das ist natürlich bei uns schon vorgekommen. Wir sind ein großer Betrieb und statistisch ist dies etwas ganz Normales.

Welcher Geschäftsführertyp sind Sie? Jemand, der die Zuständigkeiten teilt oder jemand, der alles unter Kontrolle halten möchte?

Es gibt nicht nur eine definitive Antwort auf diese Frage. Ich gebe Ihnen einige Beispiele, damit Sie verstehen, warum man auf unterschiedliche Menschen und Situationen anders reagieren muss. Zum Beispiel trage ich keine Krawatte, wenn ich im Werk bin. Aber wenn ich in der Oper bin, trage ich keine kurze Hose. Das bezieht sich auch auf den Führungsstil. Manchmal ist es erforderlich, von oben nach unten zu handeln. Wenn Ihr Haus brennt, informieren Sie sich nicht, wie sie den Brand löschen können, sondern rufen Sie die Feuerwehr an. Es gibt manche Situationen, in denen es erforderlich ist, sofort zu handeln. Ein anderes Mal steht uns mehr Zeit zur Verfügung. Dann ist es auf jeden Fall sinnvoll, das ganze Team miteinzubinden. Es hängt vom Menschen ab. Wenn er vor Kurzem in die Firma gekommen ist, dann benötigt er mehr Unterstützung. Wenn er Erfahrung hat, dann weiß er genau, was zu tun ist und man kann ihn selbständig handeln lassen.

Würden Sie sagen, dass es für alle Bulgaren etwas Gemeinsames gibt – etwas, was sie prägt und was Sie als merkwürdig oder seltsam empfinden?

Ja, sie haben etwas Gemeinsames. Ich möchte noch einmal an dieser Stelle betonen, dass es von Bedeutung ist, ob es sich um ein internationales Unternehmen handelt oder nicht. Aurubis ist seit acht Jahren hier, davor war das Unternehmen im Eigentum einer belgischen Firma (Umicore). Unsere Mitarbeiter haben lange in einem internationalen Unternehmen gearbeitet. Daher kann man nicht sagen, dass sie typisch bulgarische Mitarbeiter sind. Sie sind von verschiedenen Ländern und Führungsstile beeinflusst worden. Das, was mir sehr gefällt und sich stark von den Mitarbeitern in Westeuropa unterscheidet, ist der Enthusiasmus und die Motivation der Bulgaren sowie ihre Flexibilität und die Bemühung, noch mehr von sich zu geben. Die bulgarischen Mitarbeiter identifizieren sich viel stärker mit dem Unternehmen, als ich dies im Westen gesehen habe. Dort wird sehr deutlich zwischen Arbeit und Privatleben unterschieden. Hier gibt es eine wunderschöne Kombination von beiden. Zum Beispiel möchten unsere Mitarbeiter zusammen sein und den Freitagabend oder sogar den Samstag zusammenverbringen, wenn wir Seminare oder Veranstaltungen organisieren. Sie möchten auch ihre Freizeit zusammenverbringen.  Das findet man selten in Westeuropa. Etwas Anderes, was mir aufgefallen ist, dass Kollegen sehr oft mit ihren Familien etwas zusammen unternehmen. Im Westen werden Freunde und Familien vom Arbeitskreis ausgeschlossen. Diese Beziehungen helfen manchmal sehr. Es stimmt, dass man mehr Zeit investiert. Andererseits weiß man, dass man sich gegenseitig aufeinander verlassen kann.

Wem wird der Erfolg Ihres Unternehmens zugeschrieben?

Das hängt mit Sicherheit an erster Stelle vom Team ab. Der Erfolgt hängt von den Mitarbeitern ab. Außerdem schreitet unsere technologische Entwicklung weiter voran, was uns einen Wettbewerbsvorteil verschafft, wie z. B. bei der Verarbeitung von manchen Rohstoffen. Sehr wichtig ist außerdem die Tatsache, dass wir auf die Umwelt achten und noch bessere Ergebnisse als von den Gesetzen vorgegeben anstreben. Daher werden wir in unserer Arbeitsregion sehr gut aufgenommen. Die Behörden und die Menschen akzeptieren uns als Partner und gute Nachbarn. Und nicht zuletzt zu erwähnen ist die Tatsache, dass wir ein stabiles Geschäftsmodel haben. Wir erlauben uns nie Risikogeschäfte und verlassen uns auf ernsthafte Geschäftspartner. Wir sind ebenfalls zuverlässige Geschäftspartner für unsere Lieferanten und Kunden sowie auch für unsere Subunternehmer und Dritte, mit denen wir zusammenarbeiten.

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„Das, was mir sehr gefällt und sich stark von den Mitarbeitern in Westeuropa unterscheidet, ist der Enthusiasmus und die Motivation der Bulgaren sowie ihre Flexibilität und die Bemühung, noch mehr von sich zu geben.“

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